Wir sind angekommen!!! Seit Samstag sind wir in Istanbul und gewoehnen uns langsam an das Gefuel, dass man Sightseeing nicht vom Fahrrad aus, sondern auch zu Fuss machen kann (von dieser ungewohnten Bewegung taten uns schon nach dem ersten Tag die Fuesse ganz schoen weh…). Aber es lohnt sich, die Stadt ist total faszinierend, man entdeckt an jeder Ecke einen neuen Palast, eine prunkvolle Mosche oder eine alte Kirche aus byzantinischer Zeit, und das leibliche Wohl kommt mit den vielen Kebab- und Boerekstaenden auch nie zu kurz.
Aber jetzt muesst ihr erstmal so tun, als wuesstet ihr noch nicht, dass wir schon angekommen sind, damit die Spannung fuer die letzten Etappen noch aufrecht erhalten wird:
Von Kavala aus ging es ohne weitere Umwege um irgendwelche Halbinseln herum ziemlich direkt nach Osten. Wie wir auf dem Weg erfahren hatten, waren die starken Waldbraende rund um Alexandroupoli ganz im Osten Griechenlands zum Glueck schon geloescht (ein Rennradfahrer hat extra einen Freund aus der Gegend dort angerufen, um fuer uns herauszufinden, ob in der Luft noch viel Rauch oder Asche ist) – es haette sonst vielleicht eine neue Einsatzmoeglichkeit fuer die Campingdusche gegeben… So kamen wir ganz ohne verkohlte Koerper- oder Fahrradteile bis zur tuerkischen Grenze und lassen ab da wieder das Tagebuch sprechen:
“Die EU-Aussengrenze ist schnell ueberquert. Im Niemandsland pausieren wir dann ausgiebig und machen uns mit Hilfe der Parfuem-Tester im Duty-Free-Shop frisch, bevor wir und Stinki Neuland betreten – und das ist dann wesentlich aufregender als gedacht. Nicht wie ueblich einmal, sondern bestimmt viermal muessen wir an der tuerkischen Grenze unsere Paesse vorzeigen. Felix, der so viel Aufmerksamkeit nicht gewoehnt ist, steuert nach der ersten Kontrolle das Tandem auch zielsicher an allen weiteren Strassensperren vorbei und wird dann immer von dienstbeflissenen aber freundlichen tuerkischen Grenzern zurueckgepfiffen. Im Zollbereich entdecken wir eine LKW-Waage, die wir sofort befahren, um endlich unser Gesamtgewicht zu wissen, nach dem wir unterwegs so oft gefragt werden. Michi muss sich ganz schoen strecken, damit sie an das in LKW-Hoehe angebrachte Fenster des Waagenwaerters reicht und dieser muss dann ganz schoen lange suchen, bis er uns auf dem Boden der Waage entdeckt. Er grinst und notiert 200 kg auf einem Zettel. Nun unseres Gewichtes bewusst passieren wir noch ein paar Kontrollen und machen das obligatorische Stinki-an-der-Grenze-Foto, dann sind wir wirklich in der Tuerkei. Leider ist der starke Gegenwind, der uns schon auf den letzten 100 griechischen Kilometern verfolgt hat, ein grenzueberschreitendes Projekt.

Trotzig fahren wir durch die zunehmend huegliger werdende Landschaft. Das heisst, vielleicht ist es nicht die Landschaft, die huegliger wird, sondern die breite Strasse, die sich auf einmal weigert, sich den natuerlichen Begebenheiten anzupassen. Tatsaechlich fuehrt sie schnurgerade jeden Berg hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab. Ab und zu finden wir einen hoch beladenen Traktor, der auf dem Seitenstreifen so langsam faehrt, dass wir in seinem Windschatten einige Kilometer lang dem Gegenwind entgehen koennen und fuer kurze Zeit mit 30 kmh dahinradeln. Irgendwann biegen aber alle Traktoren ab und der Wind hat uns wieder… Auf einer der Kuppen sehen wir zwei weitere Tourenradler aus Hoergrenzhausen bei Koblenz, die mit zwei einzelnen Raedern ziemlich genau die gleich Route gefahren sind wie wir, und da sie auch bis Istanbul radeln, werden wir uns die naechsten Tage und abends auf den Campingplaetzen noch oft begegnen. Abends duerfen wir im Garten eines Restaurants unser Zelt aufschlagen, nehmen ein erfrischendes Bad mit der Campingdusche und tauschen bei Nudeln und einem Feierabendbier Tourenradlererfahrungen mit den beiden anderen Radlern aus.”
Am naechsten Tag wird der Gegenwind zwar ein bisschen besser, dafuer nehmen die Huegel zu und wir beschaeftigen uns zur Ablenkung intensiv mit einem weiteren Miss-Marple-Hoerbuch. Bei der Fuelle an Verdaechtigen, die alle irgendwie gleich heissen (Mister Ambrosius Pomeroy, His Highness Lord Morchendale usw….) denkt man weder ueber gefahrene Hoehenmeter, noch ueber den Gegenwind mehr allzu viel nach
. Die wenigen Doerfer und Staedte, durch die wir fahren, bestehen meistens aus einer Ansammlung scheinbar genau zur gleichen Zeit gebauter Betonkloetze und koennen uns daher nicht ganz ueberzeugen, dafuer die Leute umso mehr. Anders als man uns in Griechenland ueber die Tuerken erzaehlt hatte (“alles Gauner und Drogenschmuggler”), sind alle Leute total nett und begeistert von dem Tandem, und sobald wir irgendwo anhalten, bekommen wir Tee oder Obst geschenkt (dass man Wassermelonen auf dem Tandem nicht so gut transportieren kann, wird dabei nicht akzeptiert…). Die Suche nach einem der vielen auf unserer Karte eingezeichneten Campingplaetze gestaltet sich schwierig, die meisten scheinen nicht mehr zu existieren. Irgendwann, inzwischen wieder an der Kueste bei Tekirdag, finden wir am Strassenrand ein Schild mit der Aufschrift “Camping”, doch dahinter verbirgt sich so ziemlich das Gegenteil von einem ADAC-Super-Campingplatz. Einige Wohnwaegen gehoeren tuerkischen Wochenend-campern aus Istanbul, die meisten der heruntergekommenen Zelte scheinen aber eher als dauerhafte Behausung gedacht zu sein. Als Dusche dient ein Wasserrohr, das aus der Wand ragt und auf dem Weg dahin muss man an den Zeltplatzhaustieren vorbei, zwei Dobermaennern, die auf einem vergammelten Sofa liegen und einen wuetend anbellen (sind zum Glueck angekettet). Unser Reisefuehrer wuerde das jetzt ein “Adventure-off-the-beaten-track” on “roads less travelled” nennen, aber wir sind von den Annehmlichkeiten des modernen Massentourismus schon so verdorben, dass wir uns insgeheim wieder auf ein normales Klo mit Papier und ohne Wachhund freuen.

Der Abend wird aber trotzdem ganz schoen, wir sitzen wieder mit unseren Hoergrenzhausener Reisebekannten zusammen und schlafen, muede von Huegeln und Gegenwind tief und fest. So merken wir auch nicht, dass sich einer der Dobermaenner ueber Nacht losgerissen hat und uns am Morgen freundlich schwanzwedelnd begruesst. Also gleich wieder ins Zelt, Pfefferspray holen. In der Zwischenzeit hat auch der zweite Hund, neidisch auf die Freiheit seines Kumpels, so lange an der Kette gezogen, bis auch er sich befreit hatte. Zum Glueck ist das Pfefferspray nicht notwendig, da die beiden ziemlich vergnuegt ueber den Campingplatz tollen und erstmal ein Huhn jagen, das vor lauter Schreck fast einen Herzinfarkt bekommt. Von uns nehmen sie erst so richtig Notiz, als sie unser Fruehstueck entdecken, dafuer sind sie dann umso interessierter und springen auf den Fruestueckstisch, um sich ihren Anteil zu sichern. Ernste Ermahnungen koennen sie nicht abhalten und Hand anlegen moechten wir im Anblick der kreaftigen Kiefer lieber nicht. Felix moechte den fast leeren Joghurt-Topf aber nicht so leicht aufgeben und schuettet die vom Abendessen verbliebenen Chilli-Schoten hinein. Der Hund schlabbert so gut es geht darum herum, reibt sich danach aber noch ganz schoen lang die Nase. Eins zu Null fuer uns. Um dem Treiben ein Ende zu bereiten, versuchen wir anschliessend, das Herrchen zu wecken. Dieses schlaeft auf dem vergammelten Sofa, auf dem gestern die Hunde lagen und ist erst durch vehementes Decke-Wegziehen von Felix zum Aufstehen zu bewegen und tatsaechlich, nach mehrmaligem weiteren Ausbuechsen sind die Hunde irgendwann wieder an ihrer Kette, wir koennen die Fruehstueckssachen wegpacken und endlich losfahren… Was fuer ein Campingplatz!!
Am naechsten Tag, dem vorletzten der Radreise, geht es weiter durch immer dichter bebautes Gebiet, obwohl wir immer noch mehr als 100 Kilometer von Istanbul entfernt sind. Haessliche Betonburgen-Staedte wechseln sich mit umzaeunten Heile-Welt-Wochenendsiedlungen reicher Istanbuler ab. Bald werden aus zwei Spuren in einer Richtung drei und dann vier, zum Glueck meistens mit Seitenstreifen (eine andere Strasse Richtung Istanbul gibt es nicht). Sowohl unsere Karte als auch Schilder an der Strasse zeigen einen Campingplatz 50 km vor der Stadt, doch dort angekommen hat ihn niemand je gesehen. Leider spricht auch fast niemand Englisch, so dass wir es nicht schaffen, nach einer Campmoeglichkeit in
einem privaten Obstgarten zu fragen. Freie, unbebaute Flaechen gibt es hier fast nicht und bis zum Zentrum Istanbuls zu fahren ist es noch weit. Frustriert ueberlegen wir, wie wir zu einem Uebernachtungsplatz kommen koennen und fragen als letzte Option an der Pforte einer der umzaeunten Wochenensiedlungen (mit wenig Hoffnung, da diese hier auch noch ziemlich nobel aussieht). Der Pfoertner bringt uns zum Besitzer eines der kleinen Haeuschen, der Englisch spricht und zu unserer grossen Ueberraschung und Freude duerfen wir fuer eine Nacht auf dem Spielplatz der Anlage campen! Zwischen Rutsche, Wippe und Schaukel spannen wir die Zeltleinen auf und liegen wenig spaeter gluecklich auf einer Pool-Liege und schauen uns den Sonnenuntergang an. Ein weiteres Beispiel, wie nahe scheinbare Ausweglosigkeit und ein dann doch ganz guter Ausgang auf so einer Radreise beieinander liegen…
Zum letzten Mal auf dieser Reise packen wir am Morgen Zelt und Habseligkeiten zusammen und begeben uns zurueck auf die immer breitere Strasse, um die letzten 50 Kilometer zurueckzulegen, nur noch ein paar Huegel bis Istanbul.

Am Wegesrand reiht sich jetzt ein Vorort an den anderen, unterbrochen von grossen Shopping-Malls. Bald sind es 6 Spuren in einer Richtung, auf denen sich LKWs, Busse, Autos und wir draengeln. Gut, dass wir jetzt schon 4000 Kilometer Erfahrung im Lenken und treten haben , denn die letzten 15km haben es echt in sich. Fast schon in der Innenstadt landen wir dann ploetzlich auf einer gut ausgebauten und dennoch fast leeren Strasse. Scheint ein Geheimtipp zu sein, denn alle anderen Fahrzeuge draengeln sich auf einer getrennten, parallel verlaufenden Spur. Dass mit dem Geheimtipp etwas nicht stimmt, merken wir erst, als die Polizei hinter uns auftaucht und laut durchs Megaphon “No no no no” und “Problem” ruft. Mehr Informationen bekommen wir leider nicht, da unsere Tuerkischkenntnisse dafuer nicht ausreichen, aber wir nehmen uns trotzdem vor, bei der naechsten Ausfahrt von unserer Spezialspur abzubiegen. Dort erwartet uns dann wiederum ein aufgeregter Polizist, der uns mit Handzeichen das Problem erklaert: wir befinden uns auf einer extra Transitstrecke, die alle paar Stunden die Richtung wechselt und in wenigen Minuten in die entgegengesetzte Richtung freigegeben wird – da haben wir ja nochmal Glueck gehabt…
Fuer die letzten 5 Kilometer bis zu unserem Hostel ziehen wir dann den langsameren aber sichereren Buergersteig vor. Jetzt nur noch schnell ein Abschlussfoto mit Stinki vor der Blauen Moschee und dann haben wir die 4015 Kilometer bis Istanbul ohne Unfall geschafft. Aber da haben wir die Rechnung ohne die Istanbuler Autofahrer gemacht. Eines dieser Examplare setzt gerade ohne sich umzuschauen aus einem Parkplatz zurueck. Wahrscheinlich wendet er seinen Kopf nicht, da er mit seiner dunklen Sonnenbrille durch die getoenten Scheiben seines Audi in der schattigen Hofeinfahrt sowieso nichts gesehen haette. Michi, die gerade das Fahrrad schiebt, betaetigt zwar noch geistesgegenwaertig die Hupe, trotzdem rammt die Schnarchnase unser Tandem samt Packtaschen. Wuetend verlaesst der Herr seine Maschine, aber zum Glueck hat der Lack durch das unvorsichtige Verhalten zweier Passanten nicht gelitten… Zwei Minuten spaeter werden wir Zeuge, wie ein telefonierender sonnenbebrillter Tuerke seinen neuen 3er BMW auf dem gleichen Parkplatz gegen ein stehendes Auto semmelt und wundern usn nicht mehr, als wir im Reisefuehrer erfahren, dass die Tuerkei die weltweit hoechste Rate an Verkehrsunfaellen hat. Der uebermaessig ausgepreagte Drang der hiesigen Fahrer, an den unmoeglichsten Stellen zu ueberholen sorgt an fast jeder Kreuzung fuer ein Chaos und spaeter ist es ueberaus unterhaltsam, sich einfach bei einem Espresso an eine groessere Kreuzung zu setzen und dem Wahnsinn zuzuschauen. Jetzt checken wir aber ersteinmal ein, parken das Tandem unter den staunenden Augen vieler Backpacker und Interrailer im Flur, duschen den Strassenstaub von der Haut und freuen uns, es wirklich geschafft zu haben…
So, das war es jetzt erstmal von uns, morgen packen wir uns und das geliebte Tandem in ein Flugzeug und ab geht es wieder in die Heimat. Wir freuen uns schon auf ein Dritt- oder sogar Viert-T-Shirt, vier Kochplatten statt nur eine, und natuerlich darauf, viele von euch bald wieder zu sehen!
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